Verdrängung durch Touristen: Russafas Kampf gegen den Tourismus

Der lang geplante Sommerurlaub steht vor der Tür. Die Vorfreude steigt, doch am Urlaubsort selbst wächst die Wut gegen die Touristen. In vielen europäischen Städten führt der Tourismus längst nicht mehr nur zu wirtschaftlichem Wachstum, sondern vertreibt die Einheimischen aus ihrer Wohngegend. Besonders deutlich zeigt sich das in Valencia und dem Russafa Viertel.

Wo einst ein Arbeiterviertel war, floriert heute das vor allem touristisch geprägte Leben der Stadt. Russafa ist ein Viertel der spanischen Küstenstadt Valencia, das etwa 10-15 Minuten südlich vom Zentrum entfernt liegt. Besonders beliebt ist es heute aufgrund seiner bunten Hausfassaden, Cafés und Restaurants sowie kultureller Angebote.

In den 1970er Jahren geriet das Viertel zunehmend in eine Krise: Handel und Dienstleistungen gingen zurück, viele Bewohner zogen weg. Infolgedessen sanken die Immobilienpreise, wodurch in den 90ern und 2000ern zunehmend Studenten und Zuwanderer von außerhalb der europäischen Union in das Viertel kamen. Deren Ansiedlung verlieh dem Viertel einen multikulturellen Charakter, was wiederrum neue soziale Gruppen aus Kunst und Kreativwirtschaft anzog. Die daraus entstandene kulturelle Vielfalt, kreative Dynamik und das breite kulturelle Angebot machen das Viertel heute zu einem beliebten Ziel für Touristen.

Der Tourismus boomt und vor allem während des Sommers wird es an vielen Orten der Welt eng. Besonders vom Übertourismus betroffen sind Städte im Süden Europas, darunter auch Spanien. Aufgrund seines Klimas, der Städte und seiner reichen Kultur zieht es laut Statista in den vergangenen Jahren über 90 Millionen Touristen jährlich nach Spanien. Das sind mehr als doppelt so viele wie Spanien Einwohner hat. Das Phänomen des übermäßigen, massenhaften Andrangs von Touristen an einem Ort zur selben Zeit nennt man Übertourismus. Begünstigt werden Touristen-Hotspots von nahegelegenen Flughäfen, zu denen Billig-Airlines, wie Ryanair oder Eurowings Verbindungen anbieten. Obwohl Tourismus zu wirtschaftlichem Aufschwung führen kann, sorgt der Übertourismus eher zu einer Verschlechterung der Lebensqualität in der Region – sowohl für die Einheimischen als auch für die Umwelt. Viele Orte treffen bereits Maßnahmen, um die Folgen des übermäßigen Tourismus einzudämmen – so auch die Stadt Valencia. Zwischen 2006 und 2015 stieg der Tourismus in der Stadt um 1167,2%.  Der Ansturm an Touristen verändert das Leben der Menschen in Valencia enorm. Dies zeigt sich deutlich darin, dass Ferienwohnungen, das Nachtleben und die Hotels einen enormen Anstieg verzeichnen, während die Anzahl der Geschäfte zurückgeht. 

"I was the last resident-owner of the building in Russafa. All the others were businesspeople, young people, entrepreneurs, etc., from Poland, France, the United States, England..."

Besonders gravierende Veränderungen durch den Tourismus hat das Russafa Viertel in den letzten zwei Jahrzehnten erlebt. Die Stadt Valencia wirbt auf ihrer Webseite: „Die Bewohner von immer leben zusammen mit neuen Leuten, die jugendlichen Schwung und eine Vorliebe für alternative Tendenzen mitbringen. Ruzafa ist das Trendviertel.“ Doch die Bewohner des Viertels haben in den letzten Jahren das Viertel zunehmend verlassen. Insbesondere Einwohner mit geringerem Einkommen wurden durch neue Einwohner mit einem höheren sozioökonomischen Status verdrängt, da diese den Druck auf Immobilienpreise und Mieten erhöhen, wodurch die Mieten steigen. Dieses Phänomen wird als Gentrifizierung bezeichnet. Luis del Romero Renau, Professor für Humangeographie an der Universitat de València, hat selbst 12 Jahre im Rusaffa Viertel gewohnt und forscht nun zum Thema Tourismus und Gentrifizierung. Besonders die veränderte Lebensweise in dem Viertel sowie die gestiegenen Mietpreise waren für ihn ausschlaggebend wegzuziehen: “I’ve experienced this myself, for example : I was the last resident-owner of the building in Russafa. All the others were businesspeople, young people, entrepreneurs, etc., from Poland, France, the United States, England...”, so Luis del Romero Renau.

Problematisch ist, dass viele Touristen ihren Urlaub zunehmend in privaten Unterkünften wie Airbnbs planen, statt in Hotels, was zu einem enormen Anstieg an privaten Kurzzeitvermietungen führt, die oft unangemeldet bleiben. Die Stadt Valencia reagiert darauf mit Bußgeldern von bis zu 600.000€. Häufig ist unklar, wem die Wohnungen tatsächlich gehören, da die Eigentumsverhältnisse oft über mehrere Unternehmen und Investmentfonds verschachtelt sind. Dadurch fehlt für Nachbarn und Behörden ein klarer Ansprechpartner, insbesondere wenn Probleme durch Lärmbelästigung oder Schäden auftreten. Da die Wohnungen regelmäßig fremde Touristen vermietet werden, bergen diese ein gewisses Sicherheitsrisiko für die Einwohner des Hauses.

Darüber hinaus verändert der Tourismus auch die lokale Wirtschaft des Viertels. Traditionelle Geschäfte und Einrichtungen des täglichen Bedarfs verschwinden, wodurch das Viertel nach und nach seine ursprüngliche Identität als Wohn- und Lebensraum der einheimischen Bevölkerung verliert.

Die Folgen des Tourismus wirken sich auch auf das soziale Gefüge aus. Luis del Romero Renau erinnert sich in diesem Kontext an eine Entwicklung, die die Veränderungen in Russafa besonders deutlich macht: „For years, there was not a public school in the suburb, and it was a lot of fight, a lot of people even demonstrated every week. Finally, after years, the school was built but then the touristic wave arrived massively to Russafa and people with children moved away. Today the school has almost no children because most of these buildings are occupied by temporal users.”

Diese Veränderungen sorgen in Valencia und im Russafa Viertel für großen Frust. Immer mehr Bewohner protestieren daher unter dem Motto „Tourist go home“ gegen den Zustrom an Touristen und fordern strengere Regeln. Während eines Spaziergangs durch das Viertel wird durch unzählige Plakate an den Balkonen ersichtlich, dass die Touristenmassen ein Problem für die Anwohner darstellen.

Die Touristen reisen nach ihrem Urlaub wieder ab, doch für die Bewohner Russafas bleiben
die Folgen des Tourismus Teil ihres Alltags.  

Text & Photos : Julia Aue