Urlaub auf Kosten anderer

Ein günstiges Appartement mitten in Valencia scheint für viele Reisende die perfekte Wahl zu sein. Die Online-Plattform Airbnb wirbt beispielsweise mit der Vermietung modern eingerichteter Wohnungen für einen erholsamen Urlaub und ist damit besonders erfolgreich. Dahinter verbirgt sich jedoch ein Konflikt, der die spanische Küstenstadt in eine tiefe Wohnungskrise treibt.
Der nächste Trip nach Spanien steht vor der Tür. Jetzt heißt es für die kleine Freundesgruppe nur noch eine Unterkunft für 4 Tage finden. Im Internet klicken sich die vier jungen Frauen durch wenige Hotelzimmer, bis sie schließlich auf der Plattform Airbnb landen. Schnell den Reisezeitraum und die Personenzahl eingeben und schon erscheinen unzählige Appartements mit einem großräumigen Wohnbereich inklusive Küche, Bad und zwei Schlafzimmern. Mitten in einem der beliebtesten Viertel Valencias: Russafa. Im Vergleich zu einem Hotel ist dieses Angebot unschlagbar, weshalb sich die Freundinnen direkt dafür entscheiden.
Und genau hier beginnt das Problem. Valencia hat sich innerhalb weniger Jahre sehr schnell zu einem touristischen Hochgebiet entwickelt und damit die Wirtschaft angekurbelt. Laut Visit Valencia Foundation meldete die Stadt 2024 mehr als 6 Millionen Übernachtungen in Hotels und registrierten Appartements – 10,4% mehr als im Vorjahr. Und doch sind auch negative Seiten des Tourismus zu beobachten. Besonders für valencianische Anwohner, die aufgrund von Airbnb-Wohnungen mit gestiegenen Preisen und Wohnungsknappheit zu kämpfen haben.
Luis del Romero Renau, Professor für Humangeographie an der Universität von Valencia, schreibt in einem wissenschaftlichen Artikel, dass die Immobilienpreise allein in Valencia-City zwischen 2014 und 2020 um mehr als 20% gestiegen sind. Auch die Mietpreise nehmen stetig zu, was nicht nur die Wohnungssuche, sondern auch die Finanzierung einer Mietwohnung besonders für junge Menschen und Familien in Valencia immer schwieriger macht. “Die Präsenz von Ferienwohnungen intensiviert diesen städtischen Konflikt im Zusammenhang mit Wohnraum und Tourismus”, so der Wissenschaftler.
Airbnb ist ein Teil dieses Teufelskreises. Vom Prinzip des gemeinsam geteilten Raums entwickelte sich die Plattform zu einem wirtschaftlichen Rausch. Wohnungen werden aufgekauft, renoviert und dann für kommerzielle Zwecke an Urlauber vermietet. Besonders beliebt sind private, vollmöblierte Appartements, die mehr als 70% des aktuellen Airbnb-Angebots in Valencia ausmachen und in denen die Gastgeber selbst nicht wohnen. Luis del Romero Renau erklärt: “Diese Ferienwohnungen werden oft illegal betrieben, da sie keine Genehmigung für die Ausübung einer touristischen Tätigkeit in einem Gebäude besitzen, das ursprünglich für Wohnzwecke vorgesehen war.”

Somit liegt heutzutage mehr das Geld als die Gelegenheit, in Kontakt mit Gästen zu kommen, im Vordergrund. Auch Touristen achten verstärkt auf Privatsphäre, Komfort und Flexibilität bei der Auswahl ihrer Unterkunft, um ihren Aufenthalt so erholsam wie möglich zu gestalten. Dieser Wandel spiegelt sich auch in Zahlen über aktuell vermietete Unterkünfte in Valencia wider. Laut einer Statistik von Airroi Ende Mai 2026 gab es insgesamt 6.713 aktive Airbnb-Angebote in den letzten zwölf Monaten, wobei andere Statistiken von höheren Zahlen ausgehen. Betroffen sind vor allem die Altstadtviertel Ciutat Vella, Extramurs und L’Eixample sowie das Strandviertel Poblats Maritims.
Etwa 10% aller verfügbaren und dort existierenden Wohnungen sind Airbnb-Appartements, weshalb sich der Wohnungsmarkt zulasten der eigentlichen Zielgruppe negativ verändert. Einwohnern steht immer weniger langfristig genutzter Wohnraum zur Verfügung. Im Gespräch betont Luis del Romero Renau daher: „Wenn wir uns als Touristen des Schadens, den wir anrichten, nicht bewusst sind und nicht nach umweltfreundlicheren Alternativen suchen, stoßen wir später auf Probleme wie beispielsweise Demonstrationen in Valencia unter dem Slogan „Ein Tourist mehr, ein Anwohner weniger“.“
“Diese Ferienwohnungen werden oft illegal betrieben, da sie keine Genehmigung für die Ausübung einer touristischen Tätigkeit in einem Gebäude besitzen, das ursprünglich für Wohnzwecke vorgesehen war.”
Dass Wohnraum für den Tourismus meist illegal zweckentfremdet wird, ist der Stadt längst bekannt. Nicht umsonst wurde 2018 ein Gesetz entschieden, das die Vermietung von Ferienwohnungen strenger kontrollieren soll. So dürfen Airbnbs beispielsweise nicht mehr über oder im gleichen Stockwerk wie Mietwohnungen, sondern überwiegend im Erdgeschoss vermietet werden.
Diese gesetzliche Regulierung ist jedoch nur ein kleiner Schritt. Es braucht mehr lösungsorientierte Ansätze für den Zeitpunkt der Buchung, um die Wohnraumsituation am Zielort nicht weiter negativ zu beeinflussen. Der Universitätsdozent hebt im Interview folgendes hervor: „Ich denke der beste und nachhaltigste Weg ist es, mehr Zeit in die Reisevorbereitung zu investieren.“ Er wünscht sich, dass Touristen auch zunehmend lokale, traditionelle Übernachtungsangebote in Erwägung ziehen. „Die meisten davon sind eher Geheimtipps der Stadt und vielleicht nicht so schön wie die gemütliche Wohnung, die man bei Airbnb gesehen hat, aber zumindest trägt man so mehr zur lokalen Wirtschaft bei.“

Außerdem sieht der Wissenschaftler eine Chance darin, auf gemeinschaftsorientierte, nachhaltige Alternativen wie Fairbnb oder BeWelcome zu wechseln. Über diese Plattformen können Reisende sowohl private Unterkünfte als auch ein Zimmer bei Einheimischen buchen. Im Gegensatz zu kommerziell ausgerichteten Portalen verfolgen sie das Ziel, lokale Initiativen stärker einzubeziehen und einen sozialverträglichen Tourismus anzubieten, der auch mit den Bedürfnissen der Bewohner einhergeht.
Für die Freundinnen war es der spontane Klick auf Airbnb. Urlaub beginnt aber bereits mit der bewussten Entscheidung für eine Unterkunft und die Plattform, über die sie gebucht wird. Nur so kann das Wohnungsproblem in Valencia gelöst werden.
Text & Photos : Hannah Gerhardt
